Mission Silicon Germany

Start-ups, Innovationen, Visionäre

Geht es um Tech-Neuheiten, blickt die Welt nach Silicon Valley. Noch. Denn das könnte sich in naher Zukunft ändern – einer immer größeren Zahl deutscher Hochschulen und wagemutiger Unternehmer sei Dank.

Das Tal der digitalen Könige, Silicon Valley, muss ein magischer Ort sein. Schließlich werden dort neben weltlichen Giganten wie Apple, AMD Advanced Micro Devices, Lockheed Martin oder Hewlett Packard auch regelmäßig Einhörner gesichtet. Kenner der Start-up-Szene wissen, was sich hinter dem mythischen Tier tatsächlich verbirgt: Unternehmen, deren Wert noch vor ihrem Börsengang die Grenze von einer Milliarde US-Dollar übersteigt.

zentren-der-innovation

Die zwei bedeutendsten Beispiele dieser Gattung dürften in den vergangenen Jahren der Fahrdienst Uber und die Vermietungsplattform Airbnb gewesen sein. Der Tech-Website VentureBlog zufolge gab es Anfang 2016 weltweit 229 „Unicorns“ – mehr als die Hälfte davon in den USA. In Deutschland hingegen befindet sich die Zahl noch im einstelligen Bereich. Ihre wohl bekanntesten Vertreter: die ehemaligen Start-ups Zalando und die Start-up-Schmiede Rocket Internet.

Dass sich ausgerechnet an der Westküste der Vereinigten Staaten derartig viele innovative Unternehmen tummeln, ist kein Zufall. Kaliforniens Bedingungen sind hervorragend. Denn die Wirtschaftskraft eines Landes entscheidet ebenso über die Chance auf eine blühende Start-up-Kultur wie politische Förderung und strukturelle Voraussetzungen. Insbesondere letztere spielen eine entscheidende Rolle. So ist beispielsweise das Breitbandnetz in Silicon Valley und Umgebung gut ausgebaut, Netzwerkveranstaltungen zum Wissensaustausch sind an der Tagesordnung und die Universitäten von Stanford, Berkeley und California sorgen für brillanten IT-Nachwuchs.

Kein Grund, sich zu verstecken

Aber nicht nur im Golden State tummeln sich Tech-Konzerne von Weltformat. „Auch hierzulande sind längst kleine und große IT-Unternehmen entstanden, die über globale Strahlkraft verfügen“, sagt Jörg Bollow, Chief Marketing Officer der Bisnode Gruppe. „Zalando ist auch im Valley ein Begriff und SAP kann entspannt in einem Atemzug mit Microsoft oder Oracle genannt werden“, so Bollow.

Trotzdem ist der zahlenmäßige Unterschied zwischen erfolgreichen Start-ups in den USA und Deutschland erschreckend. Kommt etwa hierzulande die Erkenntnis zu spät, dass eine lebendige Start-up-Szene auch der sie beheimatenden Volkswirtschaft Auftrieb verleiht? Ist die Chance auf ein oder gar mehrere deutsche Silicon Valleys bereits vertan? Christoph Keese, Autor von „Silicon Germany“, hält die Lage für schlimm, aber nicht hoffnungslos. Wir haben kaum noch eine Chance. Doch diese ergreifen wir“, so Keese. „Deutschland ist in Sachen Digitalisierung heute das, was man an der Börse als undervalued Asset bezeichnet: eine Aktie, die unter ihrem wahren Wert gehandelt wird“, schreibt der Executive Vice President von Axel Springer SE. „Wir haben unser Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft“, ist Keese überzeugt.

Sei dein eigener Gegner

Um das zu tun, müsse jedoch gehörig angepackt werden. Unternehmen sollten beispielsweise nicht davor zurückschrecken, auch solche Innovationen voranzutreiben, die das eigene Geschäftsmodell gefährden. Hintergrund: Wenn sie es nicht tun, macht es bald ein anderer. Keese nennt das Beispiel des Axel Springer Verlags, der das Online-Stellenportal StepStone kaufte, obwohl es den Stellenanzeigen in „Die Welt“ Konkurrenz machte. Lange Zeit lag Axel Springer mit seinen Printanzeigen auf Platz 3 hinter „FAZ“ und „Süddeutsche Zeitung“. „Auf dem analogen Markt wäre Springer vom dritten Platz wohl nicht weggekommen“, so Keese. „Erst die Investition in den digitalen Kannibalen brachte die Wende.“ Inzwischen ist Axel Springer mit StepStone zu einem führenden Jobinserate-Anbieter in Europa aufgestiegen.

Der Angriff auf sich selbst sei nur eine der Aufgaben, der sich Unternehmen stellen müssten, um den digitalen Wandel erfolgreich zu vollziehen. Doch Keese nimmt auch Politik und Gesellschaft in die Pflicht. Notorisch unterfinanzierte Gründer müssten vom Staat viel mehr Unterstützung erhalten. Keese wird auch hier konkret: „Deutsche Start-ups leiden an finanzieller Auszehrung. 30 Milliarden Euro Eigenkapital pro Jahr benötigen sie.“ Würde seine Forderung in die Tat umgesetzt werden, investierte Deutschland zwar immer noch nur halb so viel wie die USA im Jahr 2015. Aber im Vergleich zu den nur 780 Millionen Euro Fördergeldern, die es noch letztes Jahr waren, wäre es ein deutlicher Fortschritt.

Mehr Raum für Innovationen

Nachholbedarf sieht Keese zudem in der deutschen Hochschullandschaft. In den USA animierten Colleges und Universitäten beispielsweise Kinder und Jugendliche dazu, schon früh Forschergeist sowie Wissensdurst zu entwickeln. „In Palo Alto verschmelzen Highschool und University gefühlt zu einer gemeinsamen Einrichtung“, so Keese. Die Universität habe ihre Einrichtungen auch für Nicht-Immatrikulierte durchlässig wie eine Membran gestaltet. „Kinder und Laien belegen Open-University-Kurse. Universitätsgebäude laden freundlich zum Betreten ein“, schwärmt der Digitalexperte. Das Ergebnis: „Für den Spaß, den die Hochschule verspricht, strengen sie sich bei Mathe und Physik doppelt an.“

Deutsche Hochschulen seien von einer derartigen gesamtgesellschaftlichen Öffnung noch weit entfernt. Schuld daran trägt aus Keeses Sicht der Staat, der einer umfassenden Gründerförderung durch Bürokratie und Unterfinanzierung den Weg versperre. Im Gespräch mit einem Professor der Universität Düsseldorf wird dieser Eindruck bestätigt: „Universitäten sind Behörden“, so der Dozent für Wettbewerbsökonomie. „Wie sollen Spin-Offs aus Behörden kommen? Ich erlebe das ja selber. Man kann sich an der Universität gar nicht anders verhalten denn als Behördenmitarbeiter.“

Gleichwohl gibt es Lichtblicke. Viele deutsche Hochschulen leisten ihren Beitrag, damit Silicon Germany zu Silicon Valley aufschließt. Dazu tragen ihre Gründungsservices entscheidend bei. Die sogenannten Inkubatoren unterstützen Gründer mit Wissen, Erfahrung, Kontakten und Ressourcen dabei, ihre Geschäftsidee auf die Straße zu bekommen. So zum Beispiel das bereits 2007 gegründete Entrepreneurship Center (EC) der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Unter der Leitung des Unternehmers Andy Goldstein hat der Inkubator mittlerweile 165 Neugründungen mit einem Marktwert von mehreren Hundert Millionen Euro hervorgebracht.

Sarten und im Rennen bleiben

Jedes Semester werden 15 Teams aus mehr als 150 Bewerbungen ausgewählt. Die Projekte erhalten ein halbes Jahr lang individuelle Coachings, ausgefeilte Business-Lektionen, kostenlose Büroplätze und direkte Verbindung zu einer Vielzahl von Impuls- und Kapitalgebern aus dem Netzwerk des LMU EC. „Beeindruckend ist, dass auch fünf Jahre nach Beendigung des Programms mehr als 80 Prozent der Start-ups noch im Geschäft sind“, sagt Goldstein. „Das zeigt, dass die Absolventen des LMU-EC-Programms nicht nur die Kunst des Geldbeschaffens beherrschen, sondern sich auch auf die Geschäftsentwicklung verstehen und wissen, wie man Kunden gewinnt.“

Der Erfolg von Hochschul-Inkubatoren wie dem LMU EC sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie schlecht die Aussichten von Gründern für gewöhnlich stehen. Die Statistik, nach der bloß eines von zehn Start-ups das erste Jahr überlebt und ein nennenswertes Wachstum erzielt, hat sich unter Investoren als gefühlte Wahrheit etabliert. Sie suchen deshalb nach messbaren Faktoren und Kennzahlen, die Auskunft über die voraussichtliche Entwicklung der Start-ups geben können.

Suche nach dem Gründer-Mekka

Verwunderlich ist hierbei, dass der Einfluss, den der Standort auf die Erfolgsaussichten eines Wachstumsunternehmens hat, bisher kaum diskutiert wurde. Sollte es etwa egal sein, ob in Berlin, Hamburg oder München gegründet wird? Liegt die Unterstützung kleinerer Städte hinter der in den Metropolen zurück – oder übertrifft sie sie womöglich sogar? Bisnode hat sich dieser Fragen angenommen und untersucht, in welchen Städten die meisten Start-ups gegründet wurden. Der bisher unveröffentlichte Start-up-Index wertete für das Jahr 2014 sowohl die jeweilige Gründungsaktivität (Anzahl der Gründungen pro Jahr) als auch das örtliche Risiko zu scheitern aus (Anzahl der Insolvenzen/Anzahl der Gründungen pro Jahr). „Beim ersten Hören denkt mancher womöglich, 2014 sei ein alter Hut“, sagt Bollow. „Tatsächlich haben wir die Studie auf ein Jahr angelegt. Denn im Laufe von 2014 musste sich erst zeigen, welche Start-ups auch 2015 noch bestehen würden“, entgegnet er potenziellen  Kritikern.

Nnicht alle fahren nach Berlin

Zum ersten Mal lässt sich so feststellen, welche deutsche Metropole den Titel „Start-up Mekka“ wirklich verdient. Die Krone teilen sich Berlin und München: Berlin wegen der meisten Gründungen, München wegen der geringsten Insolvenzquote. Hamburg stellt gerade im Bezug auf die „Bad Rate“ das traurige Schlusslicht dar. Darüber hinaus zeigt die Untersuchung, wo in der Provinz sich die Hidden Champions der Start-up-Förderung verstecken. Das hessische Darmstadt etwa überzeugte mit dem drittstärksten Verhältnis zwischen Gründungen und Insolvenzen. Investoren eröffnet Bisnode damit eine neue, lokale und datenbasierte Sicht auf die deutsche Start-up-Welt.

Blättern Sie hier in den ersten 6 Seiten der neuen Ausgabe